Waldtiergeschichten von Helene Pilz:
Zunächst so, wie sie sie frisch von der Leber weg notiert hat. Im Anschluss so, wie sie vermutlich in einem modernen Kinderbuch stehen würden.


Ein zartes Piepsen aus großer Höhe des Tannenbaumes in unserem Garten lockte so manches Kätzlein aus seiner Reserve.
Minna, die kleine Katze des Nachbarn, versuchte eifrig, auf den Baum zu gelangen, um Robin zu erreichen.
„Komm, komm zu mir!“, lockte Robin die Nachbarin. Doch alle Versuche, bis zu dem kleinen Vogel zu gelangen, misslangen.
„Ich will doch nur mit dir spielen“, miaute die kleine Katze.
„Ich werde zu dir hinunterfliegen, damit wir uns unterhalten können.“
Ganz schnell flog Robin vom Baum hinunter. Als Minna mit ihrer Tatze nach dem kleinen Vogel greifen wollte, hüpfte Robin erschrocken wieder in die Höhe.
„Du wolltest doch mit mir spielen“, piepste Robin.
„Ich habe dir doch nicht wehtun wollen. Entschuldige, dass ich dich erschreckt habe.“
„Ich werde vor dir herfliegen, und du musst mir nachfolgen“, sagte das Vögelchen.
Gesagt, getan. Hurtig flatterte Robin vor Minna her, und das Spiel begann. So sehr sich das Kätzlein auch bemühte, es konnte Robin nicht erhaschen.
Vom vielen Springen ermüdet, rollte sich Minna schließlich in einer Ecke zusammen.
„Was ist denn mit dir?“, fragte Robin. „Wir haben doch noch gar nicht lange gespielt, und du bist schon müde?“
„Du hast es leichter als ich. Du kannst in die Höhe fliegen, wo ich dir nicht folgen kann.“
Da setzte sich Robin auf den Kopf seiner Freundin, und die beiden plauderten vergnügt miteinander.
So nett kann es sein, wenn man Freundschaft halten kann.

Ein liebes kleines Reh begegnete mir im Wald. Es begann, mir seine Geschichte zu erzählen.
Vor sehr langer Zeit lebte in diesem Wald ein böser Bär. Er wollte meine liebe Freundin in seine Höhle verschleppen.
Ganz liebenswürdig versprach er ihr viele gute Gräser und allerlei andere Naschereien.
„Ich komme gerne mit dir, wenn du mir versprichst, mir den Rücken zu bürsten.“
„Aber ja!“, entgegnete der Bär.
Im Sinn hatte er allerdings etwas ganz anderes. Ein Rehbraten wäre für ihn ein wahrer Leckerbissen gewesen.
Meine Freundin durchschaute den tollpatschigen Bären jedoch sofort. Zum Schein ging sie mit ihm bis zu seiner Höhle.
Dort angekommen, sprang das Rehlein leichtfüßig davon, und der plumpe Bär hatte das Nachsehen.
So ging diese Geschichte gut aus, und meine liebe Freundin erlebte noch viele schöne Jahre.
Ende der Geschichte

Ich bin ein sehr kleines Eichhörnchen und wohne mit meinen Geschwistern hoch oben in einer Baumkrone.
Wir sind immer sehr eifrig auf der Suche nach Samen in den Bäumen. Jeder von uns möchte so viele wie möglich finden.
Eines Tages entdeckte ein Marder unseren schönen Baum und quartierte sich dort ein. Für uns begann eine schlimme Zeit, denn wir hatten große Angst vor unserem neuen Mitbewohner.
Doch bald stellte sich heraus, dass der Marder bereits zahnlos war. Er war mit allem zufrieden, was wir ihm übrig ließen.
Mit der Zeit wurden wir gute Freunde und tummelten uns um die Wette von Ast zu Ast.
Am liebsten spielte der Marder mit mir. Ich nannte ihn Tausendsassa, was ihm sehr gefiel. Für ihn war ich sein Buschschwänzchen.
Er ging sogar so weit, mir die besten Samen zu bringen. Wir tollten um die Bäume herum, und die Tage vergingen wie im Flug.
So verging der Sommer. Der Herbst nahte mit Riesenschritten, und wir Eichhörnchen mussten Nahrungsvorräte für den Winter anlegen. Für meinen Freund Tausendsassa war das nicht notwendig, denn er fand auch im Winter genug zu essen.
Eines Tages begann es zu schneien. Ich zog mich in meinen Kobel zurück und schlief ein. Ab und zu wachte ich auf, um ein wenig zu essen. An warmen Wintertagen hüpfte ich in den Bäumen herum.
Meinen Freund Tausendsassa sah ich leider den ganzen Winter über nicht.
Als das Frühjahr kam, erblickte ich ihn endlich wieder.
Und es gab ein freudiges Wiedersehen.
Ende der Geschichte

Elfe Huschhusch
In einem kleinen Blumengarten wohnte in einer wunderschönen Glockenblume die Elfe Huschhusch. Jeden Morgen trank sie den Morgentautropfen, der für sie ausreichend Nahrung war. Sie behütete die Blume und begab sich erst in den Abendstunden auf Ausschau nach anderen Elfen, die in den verschiedensten Blumen ihr Zuhause hatten. In der untergehenden Sonne tanzten die winzigkleinen Elfchen einen lustigen Reigen.
Eines Tages wurden sie von einem kleinen Mädchen beobachtet. Das Kind staunte, als sie die kleinen Geschöpfe mit den zarten Flügeln umherschwirren sah. Ein großer Wunsch erwachte in ihr. „Ich möchte so eine Elfe zum Spielen haben“, sagte sich das Mädchen. Schnell wurde ein Tüchlein hervorgezogen und als ein Elflein vorbeihuschte, warf sie das Tüchlein um das zarte Wesen und nahm so die Elfe gefangen. „Wer bist du?“ fragte das Mädchen. „Ich bin die Elfe Huschhusch“, war die Antwort. „Ich muß dich aber bitten, mich in eine Glockenblume zu setzen. Wenn du das nicht tust, sterbe ich, denn ich muß täglich am Morgen einen Tropfen vom Tau trinken. Das ist meine ganze Nahrung.“ Das kleine Mädchen war überglücklich und tat, wie ihm die Elfe geraten hatte.
Wie schön war jetzt jeder Tag. Am Morgen wartete die Elfe auf das Mädchen und die beiden eilten auf die Wiese, wo auch andere Elfen zugegen waren. Die tanzenden Elfen verzauberten das Mädchen so sehr, daß alle anderen Spiele nicht mehr interessant waren. Auch die Elfe Huschhusch war zufrieden und die beiden verbrachten viele Stunden miteinander.
Eines Tages war aber die Elfe verschwunden und das Mädchen sah nie wieder ihre beste Spielkameradin Huschhusch.

Dezente Interpretation
Der letzte Satz lässt sich wohl auch im Licht eines verbreiteten Volksglaubens lesen: Kinder gelten als besonders empfänglich für Elfen, Naturwesen und andere feine Erscheinungen, während solche Wahrnehmungen mit dem Älterwerden meist verschwinden oder nicht mehr ausgesprochen werden.
Das plötzliche Verschwinden Huschhuschs muss daher nicht zwingend als tragisches Ende verstanden werden. Es könnte vielmehr den Übergang markieren von einer kindlichen Welt, in der Elfen noch selbstverständlich sichtbar und erfahrbar sind, zu einer späteren Lebensphase, in der diese Verbindung verloren geht oder nur noch als Erinnerung fortbesteht.
Gerade weil Helene Pilz diesen Gedanken nicht erklärt, sondern nur mit dem schlichten Verschwinden der Elfe andeutet, bleibt die Geschichte offen und bewahrt etwas von ihrem Zauber.

Das Traummännlein
Jede Nacht begibt sich das Traummänn von Ort zu Ort, um die kleinen Kinder in den Schlaf zu begleiten.
Rosi, die besonders gerne mit schönen Träumen bedacht wurde, wollte aber das kleine Männlein selbst sehen. Sie dachte sich eine List aus, um den winzig kleinen Kerl zu erwischen. Rosi bastelte sich eine große Puppe mit einem ihr ähnlichen Gesicht. Am Abend legte sie die Puppe in ihr Bettchen und wartete. Als es dunkel wurde, hörte sie hinter dem Kasten ein leises Geräusch. Sie verhielt sich ganz still. Und da geschah es! Ein winzig kleines Männlein kroch unter dem Kasten hervor. Es war mit einem schillernden Mantel umhüllt, eine rote Zipfelmütze schmückte den Kopf und in der Hand hielt es einen silbernen Krug. Darin waren die schönen Träume aufbewahrt.
„Wer bist du?“ fragte Rosi. Der kleine Knirps erschrak. Mit weitaufgerissenen Augen blickte er zu dem Kind, das sich am Bettende versteckt hatte. „Ich bin das Traummännlein“, stammelte der kleine Wicht. „Du darfst mich nicht sehen. Ich darf dir keinen Traum schenken, weil du mich gesehen hast.“
„Aber ich wollte doch mit dir plaudern. Du läßt mich jede Nacht so viel Schönes erleben und da wollte ich mich bei dir bedanken. Bitte, bitte, sei mir nicht böse. Ich werde niemanden erzählen, daß ich dich gesehen habe. Ich weiß jetzt, daß es dich wirklich gibt und du allerliebst ausschaust. Erzähl mir ein wenig, wie du deine Träume auswählst“.
Das Traummännlein hatte seine Angst verloren und er blickte das Mädchen freundlich an. Er begann zu erzählen und zwar folgendes:
„Die Träume, die ich Nacht für Nacht den Menschen bringe, sind in einem Fluß namens ‚Erinnerung‘ verborgen. Ich kann mit meinem Krüglein so viele Träume herausschöpfen, wie ich benötige. Dabei sind schöne, aber auch aufregende Träume enthalten. Den Kindern bringe ich nur angenehme Träume, damit sie am Morgen sich noch daran erinnern können. Bist du zufrieden, was ich dir erzählt habe?“
Rosi nickte. „Ich danke dir und werde bei jedem Traum an dich denken. Danke, daß ich dich sehen durfte und auf Wiedersehen“.
Als Rosi zum Kasten schaute, war das Traummännlein verschwunden. Hatte sie alles nur geträumt?
Für Rosi war dieses Erlebnis so eindrucksvoll, daß sie das Geheimnis mit niemanden teilte. Ihr Traummännlein konnte ihr niemand nehmen.
Wie schön ist es doch, ein Kind zu sein.

Waldeslust
Es war einmal ein liebes kleines Mädchen. Es lebte mit seinen Eltern in einer schäbigen alten Hütte am Rande eines Waldes. Täglich kamen viele Waldtiere zu der Hütte, um dort von der kleinen Julia mit gutem Futter versorgt zu werden. Mit Freude wartete Julia jeden Tag auf ihre Freunde. Sie gab jedem Tier einen Namen. So hieß das scheue Rehlein „Braunauge“, das lustige Eichhörnchen bekam den Namen „Buschschwänzchen“ und die Hasen wurden mit „Hopp“ gerufen.
Egal ob es Sommer oder Winter war, die Waldtiere wurden bestens betreut. Diese Fürsorge fiel auch den Jägern auf. Besonders einem jungen Forsteleven fiel das liebevolle Verhalten des Mädchens auf. Er beobachtete immer öfter wie Julia mit den Tieren umging.
Eines Tages warteten die Tiere vergebens auf ihre Betreuerin. Die Tiere scharten sich um die Hütte und sie gaben ihrem Hunger durch verschiedene Geräusche Ausdruck.
Da gab sich der Forsteleve einen Ruck und er klopfte an die Tür der Hütte. Oh Schreck! Was sah er? Julia lag ohne Bewußtsein auf ihrem Lager? Es war höchste Zeit, daß jemand vorbeikam und dem Mädchen zu Hilfe kam. Ein Arzt wurde gerufen und nach einigen Tagen konnte Julia ihre Freunde wieder mit Futter und lieben Worten versorgen. So hatten die Waldtiere Julia geholfen.
Die Freundschaft zwischen ihr, den Tieren und dem jungen Mann blieb. Eine wunderschöne Freundschaft entwickelte sich zwischen dem jungen Mann und dem heranwachsenden Mädchen. Wie alles zu einem glücklichen Ende kam, ist jedem selbst überlassen es sich auszudenken.

Anmerkungen
Der Wald ist bei Helene Pilz nicht bloß Kulisse, sondern beinahe ein eigener Lebensraum mit Beziehungskraft. Tiere, Pflanzen, Elfen, Hütte, Wiese – all das ist bei ihr belebt und miteinander verbunden.
Bei „Waldeslust“ zeigt sich das am stärksten: Julia kümmert sich um die Tiere, und die Tiere „antworten“, indem sie auf ihre Not aufmerksam machen. Das ist fast ein kleines Naturkreislauf-Motiv: Fürsorge erzeugt Verbundenheit, Verbundenheit trägt zurück.
Auch bei „Elfe Huschhusch“ ist Natur kein dekorativer Hintergrund. Die Elfe ist an die Glockenblume und den Tau gebunden; nimmt man sie aus ihrem Lebenszusammenhang heraus, gefährdet man sie. Das ist eigentlich schon ein ziemlich klarer Gedanke von Achtsamkeit gegenüber Naturwesen und ihren Bedingungen.
Man kann es so beschreiben:
Helenes Naturbilder sind weniger idyllische Staffage als Ausdruck einer tiefen Vorstellung von Zugehörigkeit zwischen Mensch, Tier, Pflanze und unsichtbarer Welt.